Was ist wahr an Lichtenfels‘ alten Sagen?
Zwischen Tümpelschöpfern, steinernen Kindern und unterirdischen Gängen
Drei steinerne Kinder am Stadtschloss. Ein versenkter Stadtschatz. Ein Geist auf dem Burgberg. Dunkle Gänge unter der Stadt. Lichtenfels besitzt Geschichten, die seit Generationen weitererzählt werden. Manche wirken offensichtlich fantastisch, andere erstaunlich glaubwürdig.
Besonders spannend werden sie dort, wo sich beides berührt. Denn viele dieser Sagen beginnen nicht im Nichts. Es gibt den Ort wirklich, den Stein, den Keller, manchmal sogar das historische Ereignis. Erst danach beginnt jener Teil der Geschichte, den niemand mehr sicher beweisen kann.
Genau dort wird aus Geschichte eine Sage.
Warum heißen die Lichtenfelser eigentlich Tümpelschöpfer?
Kaum eine Erzählung ist so eng mit Lichtenfels verbunden wie die Geschichte der Tümpelschöpfer.
Der Überlieferung nach wollten die Bürger in Kriegszeiten ihren Stadtschatz vor Feinden retten und versenkten ihn in einem Gewässer. Als die Gefahr vorüber war, sollte der Schatz wieder geborgen werden. Doch offenbar wusste niemand mehr genau, wo er lag.
Also sollen die Lichtenfelser versucht haben, das Wasser auszuschöpfen. Ein aussichtsloses Vorhaben, denn während sie schöpften, lief ständig neues Wasser nach. Der Schatz blieb verschwunden und der Spottname ebenfalls. Bis heute werden die Lichtenfelser als Tümpelschöpfer, mundartlich auch „Dümblschöbfa“, bezeichnet.
Historisch interessant wird die Sage durch ihren möglichen Hintergrund. Eine ältere überlieferte Fassung verbindet sie mit dem Zweiten Markgrafenkrieg. Tatsächlich wurde Lichtenfels 1553 von den Truppen Albrecht Alcibiades eingenommen und bei den Kämpfen schwer getroffen. Dass damals tatsächlich ein Stadtschatz versenkt wurde, lässt sich dagegen nicht belegen.
Noch interessanter ist, wie sich die Geschichte beim Weitererzählen verändert hat. In späteren Fassungen wird die Handlung teilweise in den Dreißigjährigen Krieg verlegt.
Der Krieg wechselte. Die Geschichte blieb.
Damit erzählt die Sage heute längst mehr als eine mögliche Episode aus dem 16. Jahrhundert. Aus ihr entstand ein Name, mit dem sich die Stadt bis heute selbst wiedererkennt.
Drei Kinder aus Stein und zwei verschiedene Geschichten
Am Lichtenfelser Stadtschloss lässt sich besonders gut beobachten, wie eine Sage wachsen kann.
Dort befindet sich tatsächlich ein historisches Steinrelief mit drei nackten Knaben. Wen sie darstellen, ist für heutige Betrachter nicht ohne Weiteres erkennbar. Genau diese offene Frage scheint schon lange nach einer Erklärung verlangt zu haben.
Eine ältere Sage erzählt von drei Knaben aus dem Geschlecht der Schaumberger. Sie sollen Ansprüche auf eine Burg oder Besitzungen in Lichtenfels gehabt haben und deshalb aus dem Weg geräumt worden sein. Ein Knappe habe ihren Tod später mit einer Geschichte über ein teuflisches Spiel verschleiert.
Dramatisch ist diese Version, historisch passt sie allerdings nicht. Die in der Sage genannten Meranier starben bereits im 13. Jahrhundert aus. Das heutige Stadtschloss wurde erst im 16. Jahrhundert errichtet. Die Personen und Besitzverhältnisse der Erzählung lassen sich deshalb nicht überzeugend mit der Geschichte des Gebäudes verbinden.
Trotzdem verschwand die Sage nicht. Stattdessen existiert heute eine andere Fassung. Darin spielen drei Jungen am Stadtschloss um einen Holunderbusch. Ihre genervte Mutter soll schließlich ausgerufen haben, der Teufel solle sie holen. Daraufhin verschwinden die Kinder.
Wieder erklären drei steinerne Figuren eine tragische Geschichte, aber nicht mehr dieselbe. Das Relief blieb unverändert, die Erzählung darum wandelte sich.
Vielleicht zeigt sich gerade darin besonders deutlich, wie Überlieferung funktioniert. Wenn die ursprüngliche Bedeutung eines rätselhaften Bildes verloren geht, entsteht Raum für Geschichten. Und irgendwann kann die erzählte Erklärung bekannter werden als die tatsächliche Herkunft des Steins.
Podica und der Geist, der seinen Ort wechselte
Auch die Sage von Podica führt zurück auf etwas Reales: Über Lichtenfels befand sich einst eine Burg.
In einer bereits im 19. Jahrhundert veröffentlichten Überlieferung lebt dort Podica von Schaumberg. Ihr Verlobter Kunemund zieht in eine Fehde und fällt. Podica erfährt nichts von seinem Tod, wartet vergeblich auf seine Rückkehr und stirbt schließlich aus Kummer. Danach soll sie als ruheloser Geist durch die alte Burg wandern. Erlöst werden könnte sie nur durch die Nachricht, dass Kunemund längst gefallen sei.
Für Podica und Kunemund selbst lässt sich kein sicherer historischer Nachweis finden. Die Burg dagegen existierte, und genau das gab der Geschichte einen glaubwürdigen Schauplatz.
Besonders interessant ist, was später mit der Erzählung geschah. Die Burg verschwand weitgehend aus dem Stadtbild, Podica blieb jedoch Teil der Lichtenfelser Sagenwelt. Heute wird sie auch mit den unterirdischen Gängen der Stadt verbunden.
Der ursprüngliche Schauplatz verlor an Bedeutung, die Figur blieb lebendig. Manche Geschichten überleben sogar den Ort, an dem sie einst erzählt wurden.
Zwei alte Steine und ein ungeklärter Tod
An der Kronacher Straße stehen zwei historische Kreuzsteine. Hier beginnt die Geschichte mit etwas vollkommen Sicherem: Die beiden Steine existieren tatsächlich und stammen aus dem Spätmittelalter.
Warum sie dort stehen, ist weniger eindeutig.
Eine Sage erzählt von zwei Flößern, die in Lichtenfels eingebrochen seien. Nach ihrer Flucht sollen sie über die Aufteilung der Beute in Streit geraten sein und sich gegenseitig getötet haben. Die Kreuzsteine seien anschließend zum Gedenken an die beiden Toten aufgestellt worden.
Historisch wäre eine solche Verbindung grundsätzlich denkbar. Kreuzsteine konnten im Mittelalter mit gewaltsamen Todesfällen und Formen der Sühne verbunden sein. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass gerade diese beiden Steine an zwei räuberische Flößer erinnern, gibt es jedoch nicht.
Vielleicht liegt genau darin der Ursprung der Erzählung. Zwei alte Kreuze stehen am Weg, ihre genaue Bedeutung ist nicht mehr bekannt und irgendwann beginnt eine Geschichte, die diese Lücke füllt.
Was unter Lichtenfels wirklich liegt
Unterirdische Gänge gehören fast zwangsläufig in die Welt der Sagen. Sie sind verborgen, dunkel und führen an Orte, die von der Straße aus niemand sieht.
Auch unter Lichtenfels existiert tatsächlich ein verzweigtes Kellersystem. Ein großer Teil seiner belegbaren Geschichte ist allerdings deutlich nüchterner als manche Erzählung darüber. Im 19. Jahrhundert wurden tiefe Keller und später weitere Gänge angelegt, unter anderem zur Lagerung von Bier. Um 1900 bestanden mehrere fächerförmige Gänge und Eishäuser. Im Zweiten Weltkrieg dienten Teile davon als Luftschutzräume.
Daneben gibt es eine wesentlich ältere Überlieferung. Demnach sollen unterirdische Verbindungen bereits während oder gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges bestanden und als geheime Fluchtwege vom Schloss bis vor die Stadt geführt haben.
Das klingt genau nach dem, was man von einem verborgenen Tunnel erwartet. Belegen lässt sich diese Geschichte bislang jedoch nicht. Auch die Stadt weist darauf hin, dass dafür keine entsprechenden amtlichen Aufzeichnungen bekannt sind.
Die Gänge sind real. Der Fluchttunnel ist es möglicherweise nicht.
Gerade hier wird besonders deutlich, warum sich Sagen so leicht an bestimmte Orte heften. Ein historischer Bierkeller erklärt, wofür ein Gang gebaut wurde. Die Sage beantwortet dagegen eine viel reizvollere Frage: Was könnte dort noch gewesen sein?
Warum sich Sagen an reale Orte heften
Hinter fast jeder dieser Geschichten steht etwas Greifbares: eine historische Kriegserfahrung, ein Steinrelief, der ehemalige Burgberg, mittelalterliche Kreuzsteine oder das reale Kellersystem unter der Stadt.
Das macht die Sagen nicht automatisch wahr. Aber es erklärt, warum sie glaubwürdig genug wirkten, um weitererzählt zu werden.
Menschen erzählen besonders gern dort Geschichten, wo etwas sichtbar ist, dessen Bedeutung nicht mehr vollständig bekannt ist. Ein Stein ohne Erklärung, eine Ruine, ein dunkler Gang oder ein historisches Ereignis mit offenen Fragen bietet genug Wirklichkeit, damit eine Erzählung daran anknüpfen kann.
Beim Weitererzählen verändert sie sich. Aus dem Markgrafenkrieg wird irgendwann der Dreißigjährige Krieg. Ein möglicher Erbstreit wird zum Fluch einer Mutter. Ein Geist verlässt eine verschwundene Burg und zieht in unterirdische Gänge um.
Was dabei bleibt, ist selten historische Genauigkeit.
Es ist der Ort.
Was solche Geschichten über Lichtenfels erzählen
Sagen sind keine besonders zuverlässigen Quellen dafür, was tatsächlich geschehen ist. Sie können aber viel darüber erzählen, welche Orte Menschen beschäftigten und welche Fragen offenblieben.
Eine zerstörte Burg bekam ihren Geist, dunkle Gänge ihre geheimen Ausgänge und unbekannte Steine eine Todesgeschichte. Aus einer möglichen historischen Notlage entstand sogar ein Spitzname, der bis heute zu Lichtenfels gehört.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum solche Geschichten nicht verschwinden. Sie machen Vergangenheit merkbar, nicht als Jahreszahl oder Akteneintrag, sondern als Erzählung, die sich an einen konkreten Ort bindet.
Wer anschließend am Stadtschloss die drei steinernen Kinder entdeckt, an den Kreuzsteinen vorbeikommt oder in die Keller unter Lichtenfels hinabsteigt, sieht deshalb mehr als einen historischen Ort.
Man erkennt, wie dicht belegbare Geschichte und erzählte Vergangenheit manchmal nebeneinanderliegen.
Und genau dort, wo das Wissen endet, beginnt die Sage.
Bildnachweis: Titelbild: Tilman2007 / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0, Bildausschnitt angepasst
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